Dienstag, 23. September 2008

„Extrem gespart ... “

Ach, früher hieß es noch Lumpenproletariat, heutzutage gehört schon zur Unterschicht, wer sich nur eine BOSS-Jeans aus der Vorjahreskollektion leisten kann. Armes Deutschland. In der aktuellen 132-Euro-Debatte (die eine 18-Milliarden-Euro-Debatte ist) gibt es immer wieder kompetente Stimmen, die wissen, was das Existenzminimum ist.

Bettina „Twister“ Winsemann, Telepolis.de-Schreiber*, analysiert die 132-Euro-Studie der TU Chemnitz und bringt sie auf den Punkt. »Auch beim Hygienebedarf wird extrem gespart. Laut Studie benötigt man lediglich alle zwei Monate eine Zahnbürste und einen Friseurbesuch, vier Einwegrasierer reichen einen Monat lang aus, ebenfalls wird nur einmal pro Woche gewaschen, was bei dem Bedarf, der an Kleidung ermittelt wurde, kaum machbar ist. ... Fakt ist, dass die Politik "Hartz IV" geschaffen hat, warum aber Wissenschaftler dann mit solchen weltfremden Zahlen agieren, ist die nächste Frage.« (Telepolis, 9.9.08)

Fakt ist - liebe Zonis - ein Waschmittel aus dem Westen, und sonst gar nichts. Einwegrasierer sind keine Einmalrasierer, alle Männer, die ich kenne, benutzen Einwegrasierer schichtenübergreifend ca. eine Woche lang, man könnte fast sagen, das gehört zur männlichen Identität mit dazu. Weltfremd erscheint mir nur der vermutlich weibliche Telepolis-Beiträger.

Donnerstag, 11. September 2008

Mit 132 Euro in Chemnitz


Freiheit der Forschung? Von wegen. Das haben die Chemnitzer Wirtschaftwissenschaftler Prof. Thießen und Dipl.-Kfm Fischer sicherlich schnell gemerkt, als sie ganz elementare wissenschaftliche Fragen aufgestellt haben. Was ist eigentlich ein Existenzminimum? Warum soll der Staat für Schnaps und Zigaretten aufkommen? Muss man Mineralwasser trinken, wenn es auch hervorragendes Trinkwasser direkt aus dem Hahn gibt?

Der Höhepunkt der Desinformationsberichterstattung nach Spiegel-Online, AP-Bericht und anschließenden Großbuchstaben der Bild-„Zeitung“ war der gestrige von Fehlern nur so wimmelnder Stern-TV-Beitrag auf RTL.

Ein “Student“ soll mit den 4,40 Euro (schon 1 Prozent gespart) auskommen. Er bekommt irgendetwas vorgesetzt, ein paar Scheiben Graubrot, ein halbes (wie gemein!) Fischstäbchen. Ein auf den Tisch geworfenes Hähnchen wird mit einem überzogenen Preis angegeben. Das, was der "Student" einkauft, wird ihm hinterher nicht vorgesetzt. Abschließend trinkt er noch "nach Drehschluss" ein Glas Apfelsaft. "Experiment" gescheitert.

Ein Fliege tragender Kasper ohne jegliche wissenschaftliche Qualifikation vom paritätischen Wohlfahrtsverband pöbelt nur rum und besitzt auch noch die Frechheit, den Autoren der Studie Inkompetenz vorzuwerfen. (Später als "Studioexperte" im Studio beantwortet der übergewichtige Armutsexperte die Fragen Jauchs nicht oder weicht in Allgemeinplätze aus.)

Eine subjektive Kamera fährt im Blair-Witch-Stil durch die Gänge der TU Chemnitz (die auch irgendwie erbärmlicher aussieht als so manche Hartz-IV-Bude auf Mallorca) und findet eine verschlossene Tür vor, auf der steht, dass man nur noch per E-Mail mit der Außenwelt kommuniziere. Ach nein, hat man da gar nicht nach einem Interviewtermin angefragt? Sehr schön war dann auch ein zusammenhangloses Schriftstück, in dem eine einzige Zeile angemarkert war.

Es wurde nicht einmal auf die Studie eingegangen. Mein persönlicher Höhepunkt war, als den „Herren Professoren“ ihr Professorentum vorgeworfen wurde, und sie somit - das wurde impliziert, aber nicht ausgesprochen - als die Besserverdiener keine Ahnung vom sozialen unteren Rand hätten. - Dem möchte ich nunmal widersprechen: Es gibt sehr wohl Akademiker, die während ihres Studiums mit wesentlich weniger als dem sogenannten Existenzminimum ausgekommen sind. Der Autor dieser Zeilen gehört dazu und es gibt nicht wenige Leute, die diesem zynischen Anspruchsdenken der deutschen Alkoholikerklasse mit extremen Befremden gegenüberstehen.

Aber schön: die Chemnitzer sind auf 4,44 Euro pro Tag gekommen, das deckt sich mit den hier empirisch gewonnenen 4,25 Euro, in denen auch noch Alkohol enthalten ist.

Aber man kann ja auch mal nicht mit Pfennigbeträgen rechnen. Dennken wir doch mal im großen Maßstab: 7.5 Millionen Fanta4-Empfänger bekommen pro Monat, von denen ein Jahr 12 Stück hat 200 Euro zuviel. Wir stellen die Berechnung an, zu der ein durchschnittlicher 16-Jähriger dank umfangreicher Pädagogikreformen nicht mehr fähig ist:

7500000 x 12 x 200 € = 18000000000 Euro = 18 Milliarden Euro

Das, lieber Prof. Thießen, lieber Herr Fischer, ist ein Betrag, für den es jede Menge Gesinnungsjournalisten gibt.